Die unbequeme Wahrheit über Shopify-Performance
Lassen Sie mich mit einer Zahl anfangen, die wehtut: Seiten, die in 1 Sekunde laden, erzielen Conversion Rates, die 3x höher sind als Seiten, die 5 Sekunden brauchen. Konkret: Eine 1-Sekunden-Seite konvertiert bei 9,6%, eine 5-Sekunden-Seite nur bei 3,3% — ein Unterschied von 191%.
Oder anders ausgedrückt: Wenn Ihr Shop 3 Sekunden statt 1 Sekunde zum Laden braucht, verlieren Sie potenziell 20% Ihrer Conversions. Bei 10.000€ Monatsumsatz sind das 2.000€ — jeden Monat. Nicht wegen schlechter Produkte, schlechtem Marketing oder schlechtem Design. Nur wegen Ladezeit.
Shopify behauptet, 93% der Shops auf ihrer Plattform seien "schnell" — schneller als auf jeder anderen Commerce-Plattform. Das stimmt im Vergleich. Shopifys Server sind im Schnitt 2,8x schneller als die der Konkurrenz. Aber die Server-Geschwindigkeit ist nur ein Teil der Gleichung. Was Ihren Shop langsam macht, passiert meistens im Frontend — und da haben Sie die Kontrolle.
Wie schnell ist "schnell genug"?
Google Core Web Vitals (2025)
Google misst die Performance Ihrer Seite anhand von drei Metriken:
Largest Contentful Paint (LCP) — Wie schnell wird der Hauptinhalt sichtbar?
- Gut: unter 2,5 Sekunden
- Verbesserungsbedürftig: 2,5-4 Sekunden
- Schlecht: über 4 Sekunden
Interaction to Next Paint (INP) — Wie schnell reagiert die Seite auf Klicks?
- Gut: unter 200 Millisekunden
- Verbesserungsbedürftig: 200-500ms
- Schlecht: über 500ms
(INP hat im März 2024 FID als Metrik ersetzt — viele Guides sind hier noch veraltet.)
Cumulative Layout Shift (CLS) — Wie stabil bleibt das Layout?
- Gut: unter 0,1
- Verbesserungsbedürftig: 0,1-0,25
- Schlecht: über 0,25
Was der durchschnittliche Shopify-Shop erreicht
Die Realität: Der durchschnittliche Shopify-Shop hat einen PageSpeed-Score von 50-70 (von 100). LCP liegt typischerweise bei 2,5-4 Sekunden, INP bei 200-500ms, CLS bei 0,1-0,25. Das ist "verbesserungsbedürftig" — nicht schlecht, aber auch nicht gut.
Google empfiehlt für E-Commerce Seiten eine Ladezeit von unter 2 Sekunden. Nutzer verlieren die Geduld bei genau 2,75 Sekunden — ab diesem Punkt steigt die Absprungrate drastisch.
Der SEO-Effekt
Core Web Vitals sind ein offizieller Google-Ranking-Faktor. Sie machen etwa 10-15% der Ranking-Signale aus. Bei konkurrierenden Suchergebnissen können gute Core Web Vitals eine 8-15% höhere Sichtbarkeit bringen.
Das klingt nach wenig? Bei einem Shop, der 40% seines Traffics über organische Suche bekommt, ist das der Unterschied zwischen Seite 1 und Seite 2.
Der größte Performance-Killer: Apps
Hier ist die Zahl, die die meisten Shopify-Händler nicht kennen: 62% aller Drittanbieter-Integrationen verschlechtern die Shop-Performance. Nicht manche. Die Mehrheit.
Wie Apps Ihren Shop verlangsamen
Jede App, die Sie installieren, fügt Code zu Ihrem Theme hinzu:
- JavaScript-Dateien: Jede App lädt ihre eigenen Scripts. Bei 10 Apps können das 10-20 zusätzliche HTTP-Requests sein.
- CSS-Dateien: Styling-Code, der auch auf Seiten geladen wird, wo die App gar nicht aktiv ist.
- Externe API-Calls: Viele Apps laden Daten von externen Servern — zusätzliche Latenz.
- DOM-Manipulation: Apps, die Elemente im Shop einfügen oder verändern, können Layout Shifts verursachen.
Die versteckte Gefahr: Zombie-Code
Das Schlimmste: Wenn Sie eine App deinstallieren, bleibt ihr Code oft im Theme zurück. Sogenannter "Zombie-Code" — er tut nichts mehr, wird aber bei jedem Seitenaufruf geladen.
Nach unserer Erfahrung hat ein typischer Shopify-Shop, der über 2 Jahre gewachsen ist, 3-5 deinstallierte Apps, deren Code noch im Theme steckt. Das kann leicht 500ms-1 Sekunde zusätzliche Ladezeit verursachen.
Die App-Audit-Methode
So finden Sie heraus, welche Apps Ihren Shop verlangsamen:
- Baseline messen: PageSpeed Insights Score Ihrer Startseite notieren
- Apps einzeln deaktivieren: Jede App einzeln deaktivieren und neu messen
- Delta berechnen: Welche App verursacht welchen Performance-Verlust?
- Kosten-Nutzen bewerten: Bringt die App genug Wert, um die Performance-Einbuße zu rechtfertigen?
- Zombie-Code suchen: Im Theme-Code nach Referenzen zu deinstallierten Apps suchen
Jede zusätzliche App kann 200-500 Millisekunden zur Ladezeit hinzufügen. Bei einer einzelnen App fällt das kaum auf. Bei 10 Apps summiert es sich auf 2-5 Sekunden — und das ist der Unterschied zwischen einem schnellen und einem langsamen Shop.
Bilder: Der zweitgrößte Hebel
Bilder machen typischerweise 60-80% des Datenvolumens einer E-Commerce-Seite aus. Hier liegen die größten Optimierungspotenziale.
WebP und AVIF: Die modernen Formate
WebP wird von 96,5% aller Browser unterstützt und liefert im Schnitt 30% kleinere Dateien als JPEG. 68% der Top-10.000-Websites nutzen bereits WebP.
AVIF ist noch effizienter: 50% kleiner als JPEG, 20% kleiner als WebP. Die Browser-Unterstützung liegt bei 85-94% — gut genug für die meisten Shops, wenn Sie JPEG als Fallback bieten.
Die optimale Bildstrategie
Für Produktbilder: AVIF als erstes Format (beste Qualität bei kleinster Dateigröße), WebP als Fallback, JPEG als letzter Fallback.
Für Hero-Bilder: Preloading nutzen (mehr dazu gleich). Das Hero-Bild ist fast immer das LCP-Element — es bestimmt, wann Google Ihre Seite als "geladen" betrachtet.
Für dekorative Bilder: CSS-Gradients oder SVGs statt Rasterbilder. Ein animierter CSS-Gradient ist 0 KB. Ein dekoratives Hintergrundbild ist 200 KB.
Lazy Loading richtig einsetzen
Bilder unterhalb des sichtbaren Bereichs (Below the Fold) sollten erst geladen werden, wenn der Nutzer zu ihnen scrollt. Shopify unterstützt das nativ über das \